Urkunde des 21. Landeswettbewerb Essay Deutsch für Mareen Schlingmann

Wir gratulieren unserer Schülerin Mareen Schlingmann sehr herzlich zur erfolgreichen Teilnahme am 21. Landeswettbewerb Deutsch Essay 2025. Ihren Essay mit dem Titel Selbstoptimierung – freier Wille oder gesellschaftlicher Zwang? verfasste sie, weil ihr immer häufiger auffiel, wie sehr Selbstoptimierung unseren heutigen Alltag prägt – von Fitness-Apps bis hin zu Leistungsdruck im Bereich Schule und Beruf. „Immer öfter frage ich mich, ob dieser Optimierungswille wirklich ein Ausdruck von Freiheit ist, oder ob wir unbewusst einem gesellschaftlichen Ideal folgen“, so Marleen. Dieser Essay ist also aus dem Wunsch entstanden, diese Spannung zu verstehen und dazu zu ermutigen, sich selbst auch ohne Perfektion wertzuschätzen.

Selbstoptimierung – freier Wille oder gesellschaftlicher Zwang?

„Selbstoptimierung ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern ein Symptom gesellschaftlichen Leistungsdrucks, das den Menschen zunehmend zum Produkt seiner Selbst macht“, (Zitat von Marleen Schlingmann, inspiriert von dem Philosophen Byung-Chul Han und seinem Werk „Die Mündigkeitsgesellschaft“). Dieses Zitat bringt auf provokative Art und Weise den Gegensatz zwischen individueller Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Norm zum Ausdruck.

Jeden Morgen tracken Millionen von Menschen ihren Schlaf, zählen ihre Kalorien oder lesen Motivationszitate wie „Es ist nur du gegen dich selbst, also sei immer besser als du gestern warst“. Apps, Coachings und Weiterbildungen versprechen einem ein perfektes Leben – reicher, schlauer, gesünder. Doch hinter all diesen vermeintlichen Versprechen der Selbstoptimierung verbirgt sich die stille Frage: Machen wir all das aus freiem Willen oder verändern wir uns für ein Ideal, das uns die Gesellschaft aufdrängt?

In einer Zeit, in welcher sich der Mensch selbst zu einem Projekt macht, verschwimmen die Grenzen zwischen Selbstverwirklichung und Selbstvermarktung. Selbstoptimierung beschreibt das Streben nach dem Ziel der Verbesserung des eigenen Selbst. Es reicht von mentalen Coachings bis zu Ernährungstherapien. Im Gegensatz zu der Selbstvollkommenheit, die sich auf das Erlangen von Weisheit oder innerem Frieden fokussiert, geht es bei der Selbstoptimierung eher darum, dass man die eigene Effizienz steigert oder dass man sich selbst besser vermarkten kann. In diesem Sinne wird der Mensch zunehmend sein eigener Vermarkter.

Die Idee, das eigene Leben neu und besser zu gestalten, ist so alt wie das Leben in einer Gesellschaft selbst. Schon in der Antike war die Verbesserung des Selbst ein zentrales philosophisches Thema. Jedoch unterscheidet sich diese gekonnt von dem Verständnis, das wir in der heutigen Zeit besitzen.

Eine zentrale Wendung ist die Entwicklung des Neoliberalismus im 20. Jahrhundert. Die Veränderung hin zu mehr Eigenverantwortung zwang den Menschen dazu, sein eigenes Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Selbstoptimierung wurde zur Pflicht, wenn man nicht hinten dranhängen, sondern ein erfülltes Leben leben wollte. Die Optimierung erreichte man nur durch stetigen Willen, durch harte Arbeit und eine Menge Disziplin.

In der heutigen digitalen Welt hat der Begriff der Selbstoptimierung eine komplett neue Definition zugeschrieben bekommen.

Doch warum verspürt ein jeder den Druck, sich jeden Tag optimieren zu müssen? Ein Aspekt ist Social Media. Durch die sozialen Netzwerke wird einem vorgehalten, was man angeblich alles sein könnte – sportlicher, gesünder, reicher. Wäre der Wunsch nach Optimierung auch ohne Social Media so stark? Durch all die ganzen Schönheitsideale und vermeintlichen Normen hat man das Gefühl des Nicht-Genug-Seins. Man ist nicht so gesund wie Person A und erst recht nicht so schlau wie Person B. Der Selbstwert wird durch äußere Anerkennung gebildet. Allmählich wirkt es so, als würde unsere Gesellschaft danach streben, immer makelloser und identischer zu werden. Das sogenannte „Qualified Self“ macht den Menschen messbar und somit auch vergleichbar. Der ständige Kreislauf aus Selbstbeobachtung, Fehlern finden, Anpassung und Selbstinszenierung scheint nie ein Ende zu finden.

Der Soziologe Ulrich Bröckling beschreibt diese moderne Form als „unternehmerisches Selbst“, wobei sich der Mensch selbst als Projekt betrachtet. In einer sich immer optimierenden Gesellschaft sind Menschen dazu gezwungen, sich immer weiter zu verändern. In den Bereichen Bildung, Aussehen und soziale Kompetenzen darf man gar nicht mehr hinterherhinken, will man noch ein anerkannter Teil der Gesellschaft sein. Dieser ständige Druck beeinflusst längst nicht mehr nur das Äußerliche. Dieser Druck wird allmählich immer mehr verinnerlicht. Die Menschen bewerten sich selbst und vergleichen sich mit anderen, streben danach, immer besser zu werden, nicht nur um zu überleben, sondern auch um wertvoll zu sein. Die Freiheit eines jeden wird dabei zur Pflicht: Wer scheitert, der ist selbst schuld! Aber ist die Kernessenz des Lebens nicht das Glücklichsein? Und ist es nicht wichtig, Fehler zu machen, um diese nicht zu wiederholen?
Dieses Gefühl des andauernden Nicht-genug-Seins kann auf die Dauer die Psyche eines jeden angreifen. Studien zeigen vermehrt einen Anstieg von Burnouts, Depressionen oder Angststörungen. Dieser stetige Blick darauf, was unsere Macken und Schwächen sind, verhindert das Gefühl, wirkliche Selbstakzeptanz oder Selbstliebe zu entwickeln. Im Gegenzug verstärkt es Selbstzweifel und Selbsthass, was am Ende nicht nur einen selbst beeinflusst, sondern auch sein Umfeld.

Klar ist, dass dieses Phänomen, die Fokussierung auf Negativität, in der Gesellschaft fest etabliert ist. In der Schule wird Schülern vermehrt nur gesagt, was sie weiter verbessern könnten und worin sie noch nicht gut genug sind, statt einen Fokus darauf zu legen, worin sie gut sind, um dies weiter zu fördern. Es gibt mehr Coachings über Selbstoptimierung als über Selbstliebe. Und es scheint so, als gäbe es mehr Neid als Bewunderung in dieser Gesellschaft. Uns wäre doch allen mehr geholfen, wenn wir den Einzelnen für seine Stärken bewundern, anstatt diese auch übernehmen zu wollen. Jeder Mensch ist mit seinen Stärken und Schwächen einzigartig. Durch diese andauernde Selbstoptimierung scheint es so, als würde die Grenze zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein wollen, immer mehr verschwimmen. Wir sind allmählich nicht mehr ein Mensch, sondern ein Projekt, das sich in einer stetigen Bearbeitungsphase befindet.
Doch um zu verstehen, warum wir eigentlich immer nur auf das Negative fokussiert sind, muss man weit in die Geschichte des Menschen zurückschreiten. In der Steinzeit war es für den Homo sapiens wichtig, schnell Bedrohungssignale erkennen zu können. Beherrschte man diese Tätigkeit nicht, dann hatte man kein langes Leben. Die Tendenz, schlechten Nachrichten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ist also evolutionär bedingt, um uns vor Schaden zu schützen. Jedoch ist diese Fähigkeit in der heutigen Zeit mehr oder weniger überflüssig geworden, da es keinen Löwen gibt, der nur darauf wartet, uns zu verspeisen.

Wir können die Tendenz der Negativität ausgleichen, indem wir uns vermehrt auf das Positive konzentrieren. Lehrer könnten Schüler immer öfter daran erinnern, was sie gut können, und diese Fähigkeit mit Extraaufgaben weiter ausbauen. Anstatt uns jeden Tag selbst zu vermarkten, könnten wir darauf achten, wie wir uns im Einzelnen weiterentwickeln wollen. Was sind meine Ziele? Wo will ich in zehn Jahren stehen? Und nicht, was sagt mir Influencer XY, wo ich stehen könnte. Wir müssen öfter auf unsere innere Stimme hören.

Selbstoptimierung ist ein komplexes Phänomen, welches tief in den Strukturen unserer Gesellschaft verankert ist. Was sich oft als Ausdruck von Freiheit verkauft, ist doch in Wirklichkeit die Anpassung an die gesellschaftlichen Normen, um einen sozial höheren Wert zu erlangen. Der Mensch wird immer mehr zum Produkt seines Selbst. Zum Produkt dessen er sich verkauft. Ein kritischer Blick auf dieses Konzept ist essenziell, um dem Begriff der Selbstoptimierung eine neue Bedeutung zuzuschreiben. Freiheit bedeutet nicht, sich selbst immer optimieren zu müssen, sondern es bedeutet, sich dem Druck der Optimierung zu entziehen und sich selbst als vollkommenen Menschen zu betrachten. Jeder Mensch ist vollkommen in seiner eigenen Art und Weise.

Selbstoptimierung ist genau deshalb, wie im Zitat am Anfang genannt, kein Ausdruck von Freiheit, wenn man stetig versucht, sich selbst zu vermarkten und zu verbiegen.

Ich lade all meine Leser dazu ein, innezuhalten und ihre Ziele, Beweggründe und ihre Routinen zu hinterfragen. Machen sie das alles für sich selbst oder um einen möglichst hohen Wert in der Gesellschaft zu erlangen? Wahre Freiheit beginnt nicht da, wo wir uns verbiegen müssen, um perfekt zu sein, sondern dort, wo wir uns erlauben, unperfekt, menschlich und genug zu sein.

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