Der Buchtipp der Haranni-News für den April: Saeculum
14. April 2026 um 08:33 Uhr

Der April ist ein Monat im Wandel. Der Winter zieht sich langsam zurück, erste Sommerstrahlen durchbrechen das Grau, und doch liegt noch eine gewisse Kälte in der Luft. Es ist die Zeit zwischen Aufbruch und Unsicherheit – zwischen dem Wunsch nach Neuanfang und der Frage, was unter der Oberfläche verborgen liegt. Genau diese Stimmung fängt der Jugendthriller ein, welcher sich hervorragend als Lektüre für diesen Monat eignet:

Saeculum
von Ursula Poznanski

Im Mittelpunkt steht Bastian, ein Medizinstudent, der sich von seiner Kommilitonin Sandra zu einem außergewöhnlichen Experiment überreden lässt: Ein mehrtägiges Live-Rollenspiel im Wald, fernab jeder Zivilisation. Keine Smartphones, keine Uhren, und auch sonst keine modernen Hilfsmittel. Die Teilnehmenden wollen vollständig in eine mittelalterlich anmutende Welt eintauchen und den Alltag für einige Tage hinter sich lassen.

Was zunächst wie ein harmloses Abenteuer wirkt, verändert sich jedoch Schritt für Schritt. Die Gruppe erzählt sich die Legende eines alten Fluchs, der angeblich auf dem Wald liegt. Anfangs dient die Geschichte nur der Atmosphäre – ein erzählerisches Detail, das das Spiel spannender machen soll. Doch als merkwürdige Vorfälle eintreten und ein Gruppenmitglied verschwindet, kippt die Stimmung. Aus gespielter Gefahr wird reale Angst.

Besonders eindrucksvoll führt der Roman vor Augen, wie schnell Sicherheit bröckeln kann. Ohne Kontakt zur Außenwelt fehlen Orientierungspunkte. Gerüchte gewinnen an Gewicht, Misstrauen breitet sich aus. Die Dynamik innerhalb der Gruppe verändert sich spürbar: Aus Gemeinschaft wird Konkurrenz, aus Faszination wird Unsicherheit. Jede Entscheidung bekommt plötzlich eine existenzielle Bedeutung.

Die Natur spielt dabei eine zentrale Rolle. Der Wald ist nicht bloß Kulisse, sondern verstärkt das Gefühl der Isolation. Er steht für das Unbekannte, für das, was sich der Kontrolle entzieht. Gerade im Frühling, wenn draußen alles neu zu wachsen beginnt, wirkt diese Darstellung besonders eindringlich: Die Natur kann gleichzeitig lebendig und bedrohlich sein.

Thematisch berührt Saeculum viele Aspekte, die uns Jugendliche beschäftigen. Es geht um Zugehörigkeit und Außenseitertum, um Mut und Anpassung, um die Frage, wie stabil die eigene Haltung bleibt, wenn Druck entsteht. Wie verhält man sich, wenn man spürt, dass etwas nicht stimmt? Bleibt man Teil der Gruppe – oder widerspricht man? Der Roman macht deutlich, wie schwierig es sein kann, in Extremsituationen einen klaren Kopf zu bewahren.

Der April steht für Aufbruch, aber auch für Unsicherheit. Saeculum passt in diese Zeit, weil es genau dieses Spannungsfeld aufgreift: den Wunsch nach Abenteuer und die Erkenntnis, dass nicht alles kontrollierbar ist. Der Roman fesselt durch Tempo und Atmosphäre, regt aber zugleich dazu an, über Vertrauen, Selbstbestimmung und moralische Verantwortung nachzudenken.

Damit ist Saeculum weit mehr als ein spannender Jugendthriller. Es ist ein Buch über die Frage, wer wir sind, wenn äußere Strukturen wegfallen – und wie wir handeln, wenn das Spiel ernst wird.

Bild und Text: Sonja Knoll

 

 

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